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Bayrisches Lesebuch

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Herausgeber
Peter Graf
Einband
Hardcover mit Schutzumschlag
Seitenzahl
504 Seiten
Erscheinungstermin
November 2016
ISBN
978-3-86497-353-6
Das Bayrische Lesebuch vereint 70 der wichtigsten bayerischen Schriftstellerinnen und Schriftsteller der letzten zweihundert Jahre. Solche, die Bayern sind oder waren oder zu selbigen geworden sind, weil sie über Jahrzehnte dort lebten und arbeiteten. Die ausgewählten Texte haben mit Bayern zu tun, spielen dort oder beschäftigen sich mit Bayern im engeren Sinne. Der Bogen wird gespannt vom Volkstümlichen zum Avantgardistischen, vom bayerischen Hochland zur Münchner Bohème. Im Mittelpunkt stehen Erzählungen, aber auch Essays, Reisebeschreibungen, Briefe, Glossen, Lieder, Gedichte u.a. von Ödön von Horváth, Frank Wedekind, Christian Morgenstern, Sigi Sommer u.v.m.. So wird ein wirklich spannungsreiches und faszinierendes Panorama entworfen.

Bayrisches Lesebuch

Vorwort von Peter Graf

Wir sind nicht bloß wir, sondern wir bedeuten auch etwas«, soll der ehemalige bayerische Ministerpräsident Alfons Goppel kurz nach seinem Amtsantritt im Jahr 1962 vor dem Katholischen Männerverein in Tuntenhausen ausgerufen haben. Aber was? Die Antwort darauf blieb er an diesem Tag schuldig, jedenfalls ist sie nicht überliefert. Aber soll man ihm das zum Vorwurf machen? Wie kann ein einzelner diese Frage beantworten? Was ist bayrisch? Wer das fragt, fragt viel.

Althergebrachte Bayern-Bilder hat zwar fast jeder im Kopf, der Einheimische ebenso wie der »Zuàgroàsde« oder der Klischee-Tourist, der enttäuscht wäre, nicht das vorzufinden, was vorzufinden er erhofft. Aber vielleicht ist es auch ebenso
unmöglich wie überflüssig, in diesem stereotypen Allerlei Wahrheit und Dichtung voneinander trennen zu wollen. Sich etwas genauer anzusehen, wie sich diese Topoi literarisiert haben, ist hingegen hochspannend. Literatur aus und über Bayern ist Kitsch, ist Weltliteratur, ist Dorf-, Bauern-Großstadt- und Kolportageroman, und Schwabing kommt darin ebenso vor wie Franken oder die Oberpfalz.

Und Tuntenhausen eben auch: Carl Amery hat dem altbayerischen Wallfahrtsort mit seinem Roman »Die Wallfahrer« in den 1980er Jahren ein Denkmal gesetzt. Spiritualität und Volksfrömmigkeit verbindet sich in ihm mit Zivilisationskritik. Die bäuerliche Kultur der Vormoderne, die Angst des ländlichen Milieus vor dessen Untergang – angesichts der fortschreitenden Industrialisierung –, sowie der sich stetig vergrößernde Gegensatz von Stadt und Land, finden sich in vielen bayerischen Romanen des 19. und 20. Jahrhunderts wieder. Autoren wie Ludwig Ganghofer, Ludwig Thoma, Georg Queri, Lena Christ oder Oskar Maria Graf haben dem Heimatroman auf sehr unterschiedliche Weise zur Geltung verholfen. Mal mit einem emotionalen oder trivialen Begriff von Heimat, mal mit einem gebrochenen und kritischen Blick. Und so verwischen sich hier die Grenzen zwischen anspruchsvoller Literatur und Unterhaltung, Lesegenuss und Erkenntnisgewinn bietet beides.

Das gilt ebenso und in gleicher Weise für den Großstadtroman: Dieselbe Bühne, ein anderes Stück. Auch hier wird zeitgleich Banales und Bedeutendes verhandelt. Doch München hatte eine Zeitlang das Glück, ein kulturelles Zentrum zu sein, das weit über die eigenen Grenzen hinaus strahlte. »München leuchtete«, nannte der Schriftsteller Hans Brandenburg seine Jugenderinnerungen und inder Tat entstand vieles von Rang. Aber Romane, zumal bekannte, nur in kurzen Auszügen zu lesen, ist mitunter wenig befriedigend und so habe ich versucht, zumindest einige der aus meiner Sicht wichtigsten Autorinnen und Autoren mit anderen Texten zu Wort kommen zu lassen. Und über die ausgewählten Beiträge auch eine Verbindung zwischen ihnen herzustellen, damit sie sich in diesem Buch begegnen können, denn Großstadt ist relativ, und man begegnete sich häufig oder man redete zumindest übereinander, voller Hochachtung oder verächtlich. Nürnberg hat unter anderem mit Hermann Kesten einen bedeutenden Autoren hervorgebracht, nicht dort geboren, verbrachte er die prägenden Jahre in dieser Stadt. Wenige Kilometer von Nürnberg entfernt, in Fürth, kam Jakob Wassermann zur Welt. Jahrzehnte später errang er Weltruhm. Dass viele Schriftsteller nach 1933 emigrieren mussten, ist bekannt, was der Verlust der Heimat für ihr Schreiben bedeutete, darüber haben einige Auskunft gegeben. Mir schien es allerdings den Rahmen dieses Buches zu sprengen, auch diesen Aspekt in die vorliegende Auswahl aufzunehmen.

Dieses Lesebuch versammelt auf 500 Seiten Literatur aus etwa zweihundert Jahren, Reisebeschreibungen und Lebenserinnerungen, Tagebuchnotizen, Essays und Feuilletons. Denn ich wollte mit der Auswahl mehr als die eingangs erwähnte Spurensuche nach einer gesamtbayerischen Identität abbilden. Beim Lesen der unzähligen Bücher, die ich für diese Anthologie zusammengetragen habe, wurde mir zunehmend bewusst, wie erhellend und auch schön die mit der Lektüre verbundene Zeitreise ist und wie die unterschiedlichen Landschafts­beschreibungen sich in der Fantasie zu einem Bild zusammensetzen, das ebenso wahr wie trügerisch ist.

Lange vor mir, vor etwa hundert Jahren, haben zwei, die in diesem Buch auch eine gewichtige Rolle spielen, ein ähnliches Werk zusammengestellt. Ludwig Thoma und Georg Queri schrieben damals im Vorwort des von ihnen herausgegebenen »Bayernbuch«:Die kulturelle bayrische Gesamtarbeit kann mehr Licht vertragen. Man muß auch den Staub wegblasen, den die Jahrhunderte angehäuft haben. Mit einiger frohen Protzerei könnte man lange, breite Register ausheben, in denen sonderbar viel Namen mit sonderbar vielseitiger Leistung ein ganz anderes geistiges Bayern dokumentieren,
als es sich in manchem Schädel von heute und von da und dort malt. Unser Buch will das literarische Bayern beleuchten (...) nicht nach einem literaturhistorischen Schema, sondern nach Impulsen und nach Liebhaberei, und wir haben uns erlaubt, einige nach privatem Geschmack zu betonen. (...) Wir wollten nicht absolut wiederentdecken, und wir wollten auch nicht absolut das literarisch Stigmatisierte wiederkäuen. (sondern) einfach eine bunte Reihe Autoren in allen Formen und Zeiteinflüssen über bunte Themata verhandeln lassen (...)«

Was für ein sympathischer Ansatz in Zeiten des nationalen Pathos, der ja heutzutage leider auch wieder in Mode kommt. Ich jedenfalls habe mir die Indienstnahme dieser Idee zu eigen gemacht. Auch weil mir folgender Aphorismus von Jean Paul in den Sinn kam: »Gewiss kein Freund der Gärtnerei wäre zufrieden, wenn auf einmal alles reif gewachsen da stände und er nichts zu tun hätte als zu pflücken.«
Und ebenso verstehe ich dieses Buch. 500 Seiten sind viel, aber beileibe kein Kanon, umfangreich heißt nicht umfassend, und so kann man sich als Leser zwar mit Appetit an den gedeckten Tisch setzen, aber nicht alles wird allen schmecken und nicht alles steht auf der Karte.

Das gilt vor allem für die jüngere Zeit. Bis auf wenige Ausnahmen endet die Textauswahl in den 1980er Jahren. Wahrscheinlich vor allem deshalb, weil ich die Zeit danach als Erwachsener selbst miterlebt habe, und mir bei der Suche nach geeigneten Beiträgen das Entdecken wollen und Erinnern wichtiger schien als auch die gegenwärtige Literatur aus und über Bayern miteinzubeziehen. Vielleicht aber auch, weil es einfach zu beglückend war, sich mit einer solchen Intensität wieder einmal in das Werk verschiedener Autoren einlesen zu dürfen. Ludwig Steub, Ödon von Horváth, Marieluise Fleißer, Lena Christ, Frank Wedekind, Jakob Wassermann, Lion Feuchtwanger, Oskar Maria Graf, Wolfgang Koeppen oder Walter Kolbenhoff, da blieb irgendwann einfach keine Zeit mehr. Und vielleicht wird es Ihnen ja ebenso ergehen. Zumeist sind es nur einzelne Titel einer Schriftstellerin oder eines Schriftstellers, die in Erinnerung bleiben und weiterhin gelesen werden. Das Gesamtwerk verblasst oft und so hoffe ich, dass das vorliegende Buch Sie womöglich dazu inspiriert, scheinbar Bekanntes neu zu entdecken. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine unterhaltsame und schöne Lesereise.